Gesprächsveranstaltung „The New Aesthetic“

Donnerstag, 10. April 2014, 14:00 – 16:30 Uhr

imai – inter media art institute, im NRW-Forum, Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf

Veranstalter: Büro medienwerk.nrw

Die Gesprächsveranstaltung des Büro medienwerk.nrw widmete sich der Netzkulturtheorie New Aesthetic, die vom britischen Designer James Bridle in seinem gleichnamigen Blog entwickelt wird. New Aesthetic wird als Einbruch der zeitgenössischen digitalen Ästhetik in die physische Welt verstanden. Die Theorie versucht zu ergründen, wie die kulturelle Praxis der alltäglichen Nutzung digitaler Medien unsere Wahrnehmung und unser Denken strukturiert und wie sich unsere Sicht auf die Welt durch die „Augen der Maschinen“ verändert (siehe z.B. Google Street View, Google Maps oder Drohnenfotografie). Eine kritische Lesart der New Aesthetic-Theorie befasst sich mit den ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen der Produktion der Ästhetik des Digitalen, die vom Siegeszug des Web 2.0 stark geprägt wurde. So stellt das niederländische Medienkunstlabor V2_ Institute for the Unstable Media in seiner Publikation New Aesthetic, New Anxieties die Frage, welche Bilder und welche Ästhetik der postfordistische Kapitalismus der immateriellen Arbeit produziert und inwiefern die digitale Ästhetik der Gegenwart von der kapitalistischen DNA des Internet als ursprünglich militärisches Projekt und Produkt der New Economy des Silicon Valley geprägt wird; wie schwierig es ist, den weißen Benutzeroberflächen von z.B. Facebook oder Google etwas entgegenzusetzen.
 
James Bridle identifiziert als eines der Kernthemen der New Aesthetic die Interaktion zwischen Mensch und Technologie, z.B. die Nutzung von Bots, Digitalkameras oder Satelliten. Hierbei steht besonders die Frage im Vordergrund, ob diese Interaktion bewusst oder unbewusst geschieht. Eine Chiffre für diese Beziehung sieht Bridle in der viralen Verbreitung pixeliger Bilder wie z.B. Internet-Memes oder den Bildern von Überwachungskameras, die mit ihrer Darstellung der physischen Welt die Grenze zwischen dem „Realen“ und dem „Digitalen“ verwischen – ebenso wie zwischen dem „Physischen“ und dem „Virtuellen“, dem Menschen und der Maschine. Anders als in der Cyberpunk-Science-Fiction der 1980er Jahre angekündigt, ziehen sich die Menschen heute nicht vollständig in einen digitalen Raum zurück (den Cyberspace), sondern bewegen sich zunehmend in einem hybriden Raum, der aus einer physischen Raumstruktur besteht, die durch digitale Applikationen und Geräte (z.B. Google Glasses) beliebig erweitert und mit Informationen aufgeladen werden kann. James Bridle versteht den „Blick der Maschinen“ als eine Metapher, um die sinnliche Erfahrung und Wahrnehmung einer Welt, deren Ästhetik zunehmend durch das Digitale geprägt wird, zu verstehen und zu diskutieren.
 
Am 10. April 2014 wurden im imai – inter media art institute in zwei Präsentation verschiedene Deutungen und mögliche Konsequenzen der New Aesthetic-Theorie vorgestellt und anschließend mit den Netzwerkpartnern des medienwerk.nrw diskutiert. Den Rahmen der Veranstaltung bildete die Ausstellung The Invisible Force Behind. Materialität in der Medienkunst, die vom imai anlässlich der Quadriennale Düsseldorf 2014 veranstaltet wird. Die Ausstellung umkreist das heutige Phänomen des zunehmenden Verlusts von körperhafter Substanz durch Digitalisierung, zum Beispiel wenn sich meterlange Filmarchive auf audiovisuelle Datenbanken reduzieren. Datenbasierte Kunstwerke offenbaren sich uns mittels Technologien, die wir alltäglich zur Kommunikation und Informationsbeschaffung nutzen. Die komplexen Zusammenhänge hinter dem Interface, die Funktionsweisen dieser Technologien, bleiben für uns verborgen. Das Künstlerduo Michael Bielicky & Kamila B. Richter lässt mit seiner großflächigen Wandprojektion Why don’t we (2013/14) Echtzeit-Nachrichten aus dem Sozialnetzwerk Twitter als Regiemittel in ihren „modernen Stummfilm“ einfließen. Die narrative Ebene wird dabei an den automatisch generierten Zufall delegiert, wenn die Nachrichten durch eine eigens entwickelte Software analysiert und mit der Bilddatenbank der Künstler abgeglichen werden.

Sprecher*innen:
 
Michelle Kasprzak, Kuratorin am V2_ Institute for the Unstable Media, Rotterdam. Michelle Kasprzak (CA/PL) lebt und arbeitet als Kuratorin und Autorin in Amsterdam (NL). Sie verfasste Beiträge für das Magazin Wired UK, Radio- und Fernsehbeiträge für BBC und CBC sowie Vorträge für die Messe PICNIC. Sie gründete einen der relevantesten Blogs über kuratorische Praktiken, Curating.info. Kritische Essays erschienen in VolumeC MagazineRhizomeCV PhotoMuteSpacing und in vielen anderen Medien. 2006 erhielt sie eine Residenz für kuratorische Forschung am Nordic Institute for Contemporary Art in Helsinki, Finnland. 2010 nahm sie am Sommerseminar für Kunstkuratoren in Jerewan, Armenien, teil. 2011 war sie Gast des internationalen Besucherprogramms von BAM – Flemish institute for visual, audiovisual and media art in Flandern, Belgien. Michelle Kasprzak erwarb einen BFA-Abschluss in New Media (Ryerson University, 2000) und einen Master in Visual and Media Arts (Université du Québec à Montréal, 2006). Die Ergebnisse ihrer kuratorischen Arbeit sind in internationalen Ausstellungen zu sehen. Zuletzt war sie Teil des kuratorischen Teams der ZER01 Biennial in San Jose, Kalifornien (2012). Gegenwärtig ist Michelle Kasprzak Kuratorin bei V2_ Institute for the Unstable Media und Mitglied von IKT (International Association of Curators of Contemporary Art).
 
Manuel Bürger (Berlin) bzw. „The Laboratory of Manuel Bürger“ (Worldwide) beschäftigt sich mit dilettantischen und virtuosen Designkräften, arbeitet zwischen Nonsens und Kulturtheorie und betreut Kunden aus verschiedensten Gebieten der Kommunikationslandschaft, wie z.B. das transmediale Festival in Berlin. Bürger ist Teil einiger Kollektive wie Mimetic ClubBench BoysFigure 8, unterrichtet an der Merz Akademie in Stuttgart und betreibt erfolgreich den Naives & Visionaries-Verlag. Zudem betreut er das regelmäßig erscheinende Research Magazin CVSNdes Critical Vision-Studiengangs der University of Cincinnatti, USA, sowie die jährliche Research-Publikation der Aarhus University, Dänemark. Letzte Publikationen und Aufsätze beschäftigen sich mit dem mimetischen Potential von Design und House Music: „Slippery Design – forever beta“ bzw. „Duck House Theory – Robert Venturi’s Darkroom Fantasies“.
 
Das Büro medienwerk.nrw wurde gefördert durch das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen. Träger des Büros: Hartware MedienKunstVerein, Dortmund.